Was ist ein Waldkindergarten?

Kurz und knapp: Ein Waldkindergarten verzichtet auf feste Räumlichkeiten und verlegt seine Aktivitäten in die freie Natur, hauptsächlich den Wald. Die Kinder verbringen damit zu jeder Jahreszeit und zu (fast) jeder Witterung ihre Zeit im Freien. Was sich für viele Erwachsene zunächst ungewöhnlich und auch unkomfortabel anhören mag, ist für die Kinder nach kurzer Zeit selbst­ver­ständlich. Nicht nur bei Sonnenschein sondern gerade auch bei „Schmuddel­wetter“, wo sich Erwachsene gerne nach drinnen zurückziehen, wollen die Kin­der nach draußen. Jeder Tag, jede Jahreszeit und jedes Wetter bringen einen Wan­del mit sich, der den Alltag für die Kinder abwechslungsreich gestal­tet, und sie jeden Tag etwas Neues entdecken lässt. All dies setzt natürlich voraus, dass die Kinder vernünftig ausgerüstet sind. Sie dürfen im Winter nicht frieren, müssen vor Nässe geschützt sein und sollen im Sommer nicht schwitzen. Dank moderner Funktionsmaterialien und einer gro­ßen Auswahl an spezieller Outdoorkleidung für Kinder ist dieser Aspekt aber leicht zu händeln. Aber abgesehen von der räumlichen Situation: was macht einen Waldkinder­gar­ten nun aus bzw. was will der Waldkindergarten anders machen? Oft haftet Wald­kindergärten ein sehr alternatives Image an, das manchmal mit antiautori­tä­rer Pädagogik, Regellosigkeit oder Laissez-Faire assoziiert wird. Oder es wird beispielsweise befürchtet, die Kinder hätten zwar Spaß, würden aber wenig ler­nen und nicht auf die Schule (Stichwort Vorschule) vorbereitet werden. Da­bei ist das Gegenteil der Fall. Denn jeder Kindergarten muss einen festge­leg­ten Rahmenplan (bei uns den Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan) ein­halten, in dem Vorgaben für die Entwicklungsförderung der Kinder festgehalten sind. Konkret geht es zum Beispiel um die Förderung der Basiskompetenzen (z.B. die Sozialkompetenz oder Personelle Kompetenz) und die Vermittlung the­matischer Bildungs- und Erziehungsbereiche (wie z.B. Werteorientierung, Spra­che, Mathematik, etc.). Natürlich hält sich auch ein Waldkindergarten an diese Vorgaben und setzt sie um. Durch die unterschiedlichen Rahmenbedingungen (keine festen Räumlichkei­ten, kein vorgefertigtes Spielzeug, eine autonome und unstrukturierte Umge­bung) und das Setzen bestimmter Schwerpunkte erhalten die Kinder in einem Waldkindergarten jedoch neue bzw. andere Impulse für ihre Entwicklung. Die pädagogische Arbeit des Waldkindergartens soll durch die folgenden Schwer­punkte geleitet werden:
  • Förderung der Eigenverantwortlichkeit
  • Entdeckendes Lernen
  • Lernen in ganzheitlichen Zusammenhängen
  • Umwelterziehung und Naturpädagogik
  • Lernen auf der Grundlage praktischen Anschauens und Tuns
  • Vermittlung von kulturgebundenen Fähigkeiten und Fertigkeiten
Neben den naturnahen Erfahrungen, die die Kinder im Wald machen können, wird auch Wert auf die Vermittlung unserer christlich-abendländischen Kultur gelegt, indem z.B. Bräuche und Feste sowie deren Bedeutung in den Kindergar­ten­alltag eingebunden werden. Darüber hinaus sollen durch Besuche und Aus­flüge (Zahnarzt, Feuerwehr, Polizei, Förster, Jäger, Imker, Vereine, etc.) wichti­ge Impulse gesetzt werden. Außerdem ist es uns ein Anliegen, dass sich der Waldkindergarten in die Struk­tur der Gemeinde integriert und am sozialen Leben teilnimmt. Dies ist z.B. im Rah­men von Kooperationen (mit anderen Kindergärten, Schulen, etc.), Aktio­nen oder der Öffentlichkeitsarbeit denkbar.

Warum in den Waldkindergarten?

Die Entscheidung der Eltern für einen Waldkindergarten hängt maßgeblich von den persönlichen Präferenzen, Erwartungen und Vorstellungen der Eltern ab und kann nicht pauschal beantwortet werden. Es gibt nicht das „bessere“ Kon­zept. Stattdessen werden in einem Waldkindergarten andere Schwerpunkte gesetzt, und die Entwicklung der Kinder durch andere Reize oder Impulse gefördert. Aber auch ein Waldkindergarten verfolgt die Ziele des Bildungs- und Erzie­hungs­planes und bereitet die Kinder auf ein eigenverantwortliches Leben und den Start in der Schule vor. Typische Bereiche, in denen sich der Waldkindergarten von einer Regeleinrich­tung unterscheidet, sind nachfolgend zusammengefasst. Ausreichend Bewegungsfreiraum Die Kinder haben im Wald im wahrsten Sinne des Wortes Platz zum „Kindsein“. Sie erleben dadurch ihre körperlichen Möglichkeiten und Grenzen. Die Natur bietet ihnen eine Vielfalt an Bewegungsanlässen und –möglichkeiten: Hüpfen, Springen, Klettern, Balancieren, Kriechen, Tanzen, usw. Die Voraussetzungen für eine gute psychomotorische Entwicklung sind dadurch ideal. So trauen sich Kinder, die in ihrer Bewegungsfreiheit massiv einge­schränkt sind, weniger zu. Dagegen gewinnen Waldkinder in der Regel mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein, weil sie auf Bäume klettern konnten und gelernt haben, „sicherer“ hinzufallen. Freiraum zum Ausleben kindlicher Bedürfnisse Der Wald bietet den Raum für eigenes Tun sowie dem Ausprobieren der eige­nen Möglichkeiten und Grenzen. Der Freie Raum ermöglicht einem Kind, bei einer Tätigkeit entsprechend seinem individuellen Bedürfnis zu verweilen. Stör­faktoren wie Lärm und räumliche Enge entfallen. Ein Kindergarten ohne „Tür und Wände“ hilft, dass sich Aggressionen gar nicht erst aufstauen und zu einem Stresszustand führen, sondern sich auf angemes­sene Weise kreativ umwandeln. Die relativ kleine überschaubare Gruppe bietet ideale Möglichkeiten, soziale Konflikte konstruktiv zu lösen. Anregung aller Sinne und ganzheitliche Erfahrungen Alle fünf Sinne des Kindes – Fühlen, Hören, Riechen, Schmecken und Sehen – werden in einer differenzierten Weise angesprochen, wie nur die Vielfalt der Natur es kann. Dadurch sind die Erfahrungen der Kinder umfassend und prägen sich tief in ihr Gedächtnis ein. Kinder wollen sehen, berühren, erleben und eine Beziehung zum Gegenstand ihres Interesses aufbauen. Sie lernen vorwiegend über ihr eigenes Tun, Erpro­ben, Untersuchen, Experimentieren, Erfinden und Erleben. Stille erfahren Gerade der Wald ist ideal, um Stille zu erleben, zu lauschen und sich für feinste innere und äußere Vorgänge zu sensibilisieren. Die Stille ist von unschätzbarem Wert z.B. für die allgemeine Differenzierung des Wahrnehmungsvermögens, das Finden von Stabilität durch innere Ruhe und die Konzentrationsfähigkeit. Dies steht in einem starken Gegensatz zu den hohen Lärmpegeln, die durch geschlossene Räume verursacht werden. Förderung von Fantasie und Kommunikation Nahezu alle Gegenstände, die uns umgeben oder die sich in Kinderzimmern befinden, haben eine festgeschriebene Bedeutung. Mit dieser Bedeutungs­zuschreibung liegt von vorneherein auch die Nutzbarkeit, oder besser gesagt der Nutzungszweck des Gegenstandes fest. Auf einem Stuhl wird gesessen, mit Spielzeugautos gefahren, mit Bauklötzen gebaut und in einer Spielzeugküche gekocht und gegessen. Ein gemeinsames Spiel kommt dadurch einfacher und häufig auch nonverbal zustande. Der Wald als Aufenthaltsraum ist hingegen sehr unstrukturiert und weitest­ge­hend frei von Bedeutungszuschreibungen. Der Baumstumpf ist gleicherma­ßen Stuhl, Tisch, Aussichtsturm oder Verkaufstresen. Oder das Blatt mag ein Teller, ein Geldschein oder ein Brief sein. Durch diese Umgebungsqualität haben die Kinder ein hohes Maß an personaler Interpretation. Dies führt zum einen dazu, dass die Fantasie der Kinder wesentlich stärker an­ge­regt wird. Andererseits führt diese Bedeutungslosigkeit zu einer wesentlich intensiveren Kommunikation zwischen den Kindern. Erst das verbale Mitteilen der eigenen Interpretation und der Austausch untereinander ermöglichen den Kindern den Start des Spiels. Damit wird die Sprachentwicklung der Kinder in erheblichem Maße gestärkt. Stärkung der Gesundheit Bewegung an frischer Luft, Wind und Wetter stärkt das Immunsystem. Die erholsame Umgebung des Waldes stärkt die körperlich-seelische Gesundheit. Mehrere Stunden täglich frische Luft bedeuten auch weniger Infektions­krank­heiten, die gewöhnlich in geschlossenen, warmen Räumen leichter übertragen werden. Die Natur als Lernort Nach einer Zeit der Gewöhnung werden die Kinder sich im Wald zu Hause füh­len. Weil sie in die natürliche Umgebung eingebunden sind, erleben sie un­mit­tel­bar, ganzheitlich und mit allen Sinnen die Zusammenhänge und Verän­de­rung­en in der Natur. Durch das Eingebundensein erlernen die Kinder den behutsamen und nachhal­tigen Umgang mit jeder Art von Leben. Stärkung sozialer Kompetenzen Im Wald ist jedes Mitglied der Gruppe in stärkerem Maße als Helfer und Wis­sens­vermittler gefordert. Auf der Basis dieses Aufeinander-angewiesen-Seins werden die sozialen Kompetenzen gestärkt. Die Kinder lernen, eigene Interes­sen zu erkennen und zu vertreten, aber auch zu helfen, Rücksicht zu nehmen und Verständnis zu haben.